Disparitäten in Accra

Ich bin bisher selten in meinem so kurzen Leben an den Punkt geraten an dem ich mich nicht einer bestimmten Personengruppe, bestimmten Bevölkerungsschicht oder Altersgruppe zuordnen konnte. Seitdem ich in Accra bin ist mein Zugehörigkeitsgefühl in der Schwebe. Ich weiß nicht wo ich dazugehöre und wer ich sein will. Diese Stadt verlangt aber eine Entscheidung von mir ab und ist damit erbarmungslos. Ich bin aber verloren hier. Accra ist einfach viel und unersättlich.

Um Accra in einem Wort zu beschreiben, lässt sich gut der Ausdruck überwältigend benutzen. Alles, wirklich alles an Accra ist überwältigend. Die Geräusche, die Gerüche, die Temperatur, die Straßen und Häuser und vor allem die Menschen. Accra ist der Ort von Disparitäten. Die schönste Natur neben einer riesigen Elektronikschrottdeponie, die größten und schicksten Autos, die vor den Wellblechhäusern anderer stehen, das Einkommen mancher Frauen auf dem Markt weniger als 2 US Dollar am Tag beträgt und nebendran 7 US Dollar für ein Getränk in einer Bar ausgegeben wird. Die Liste der Disparitäten und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten könnte seitenweise fortlaufen, so groß sind die Unterschiede im Leben von Menschen in Accra. Diese ständige Ungerechtigkeit und Unterschiedlichkeit raubt einem den Atem.

Mindestens einen Tag mal außerhalb von Accra zu sein, gibt einem die Möglichkeit wieder atmen zu können, aber auch schnell wieder Accra zu vermissen, was ein Zuhause trotz all der Unstimmigkeiten geworden ist.

Dieses geliebte und auch manchmal verhasste Zuhause lässt mich so viele unterschiedliche und vielseitige Erfahrungen machen, dass man schnell den Überblick verliert und sich ohne es zu wollen in disparate Richtungen entwickelt. Um für mich meinen Weg mitzuverfolgen und einen klaren Kopf in diesem Ort des Chaos zu bewahren oder vielleicht überhaupt zu kriegen, habe ich beschlossen meine Erfahrungen, Eindrücke, Ängste, Freuden, Entdeckungen und Erkenntnisse in Worte zu fassen und mit euch zu teilen. Eine Mischung aus individuellen Erfahrungen und Geschehnissen und Gesellschaftspolitischem/-kritischem wird mein Leben und mein Dasein in Ghana am authentischsten wiedergeben. Mein Blog soll eine Mischung aus persönlicher Verarbeitung und Reflexion und aber auch Teil einer politischen Bewegung sein. Die Einträge werden mal politische Essays sein, manchmal aber auch fast Tagebucheinträgen ähneln. Alles wird aber Erlebtes und Erfahrenes sein, dass mich in meinem derzeitigen Leben in Ghana und vielleicht auch darüber hinaus entweder beeinflusst, bewegt, verärgert oder erfreut hat.

Das Leben in Accra kann man als Metapher für meinen Blog und auch meinen Prozess oder Weg sehen, da es wie mein Blog vor Disparitäten nur so strotzt. Manche Einträge werden zornig über die Ungerechtigkeit der Welt sein oder von Sarkasmus über die kulturellen Unterschiede gespickt sein, andere himmelhochjauchzend über den Fortschritt im Land. Alle werden aber individuelle und eigene Meinungen und Erfahrungen sein, die nicht das Ziel haben einen objektiven Blick auf Ghana oder Accra zu werfen, sondern alleinig einen Blick auf mich und mein Leben zu werfen und einen Raum für Erfahrungs- und Meinungsaustausch oder auch nur stilles Mitverfolgen und in eine andere Lebenswelt eintauchen, zu ermöglichen.

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Du weißt nicht, wie du beginnen sollst? Schreibe einfach auf, was dir gerade in den Kopf kommt. Anne Lamott, Autorin eines tollen Buchs zum Thema Schreiben, sagt, dass du dir selbst die Erlaubnis geben musst, einen „ersten schlechten Entwurf“ zu verfassen. Anne spricht einen wichtigen Punkt an: Beginne einfach mit dem Schreiben und bearbeite deinen Entwurf erst später.

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